«Mein Bienenvolk, wie geht es Dir im Juli?»

MARTIN DETTLI (Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!)

 «Es ist mir nicht entgangen, dass die Tage wieder kürzer werden. Das

ist für uns der Wendepunkt. Die Zeiten des Wachstums des Bienenvolkes, die damit verbundene Vermehrungszeit und die Ausdehnung des Brutnestes für die grossen Völker sind abgeschlos- sen. Jetzt kommt die Ausrichtung auf die absteigende Jahreszeit. Nach und nach wird in den nächsten Monaten auch die Menge unserer Bienen so zurückgehen, dass sie eine überwin- terungsfähige «Kleinheit» erreicht. Diesen Stimmungswechsel haben die alten Imker gut beobachtet und es so formuliert: ‹In des Jahres Mitten, da rüstet der Bien den Winterschlitten.› In dieser Abbauphase benötigen wir bei einer imkerlichen Bienenhaltung im- mer noch viel Aufmerksamkeit, auch wenn ich weiss, dass die Menschen wesentlich mehr Hingabe und Freude haben am Spriessen und Wachsen als am Reifen und Abbau.»

 

«Wir haben im April gesagt, wir würden in diesem Monat aus- führlicher über die Varroamilbe diskutieren.»

«Mein lieber Mensch, das ist ein schwie- riges Thema, denn hier gehen die Inter- essen des natürlichen Bienenvolkes und des Menschen und seiner Bienenhaltung am weitesten auseinander. Hier sind die Einschätzungen und Interessen grund- verschieden. Kannst Du mir zu diesem Thema einfach mal zuhören, ohne Zwi- schenrufe und Kopfschütteln?

Das Bienenvolk ist ein äusserst an- passungsfähiges Wesen, das haben wir immer wieder bewiesen. Es gab und gibt viele Veränderungen in der Na- tur, wir sind immer durchgekommen. Es gibt nicht so schnell Probleme, an denen wir zugrunde gehen müssten. Heute ist die Varroamilbe in jedem Bie- nenvolk, man kann sagen, die Milbe

ist ein Teil von unserem Organismus. Bei dieser engen Beziehung ist es un- umgänglich, dass wir uns aneinander anpassen. Wenn wir als Bienenvolk unter naturnaher Lebensweise mit Varroamilben konfrontiert werden, lernen wir mit diesem Tier zu leben. Es braucht dafür aber die volle, unein- geschränkte Freiheit der Auseinander- setzung. An verschiedenen Orten ist dieser Prozess der Entwicklung eines Zusammenlebens schon fortgeschrit- ten und es hat sich gezeigt, dass die Anpassung innerhalb einiger Jahre möglich ist. Das kann dann mit Verlus- ten verbunden sein, für uns ist jedoch ungemein wichtig, dass dieser Prozess zugelassen wird. Doch wohlgemerkt, es braucht dazu gewisse Bedingungen. Schauen wir doch einmal darauf, was heute passiert. Jedes Jahr kämpft die Imkerschaft gegen die Milben. Sie verwendet Substanzen, welche für Mensch und Tier problematisch sind. Sie führt Behandlungen durch, unter denen wir als Bienenvolk und die gan- ze uns begleitende Kleintierwelt leiden. Und was wird erreicht? Die robustes- ten Milben überleben und finden eine Situation vor, in der sie sich uneinge- schränkt vermehren können. Weil die meisten Milben weggeputzt wurden, kommen die überlebenden in eine un- gehinderte Vermehrungsdynamik, wel- che uns fast überrennt. Das zieht sofort wieder eine Behandlung nach sich und so beginnt ein Teufelskreis. Mit dem Verhindern der Anpassung wird dem natürlichen Geschehen so entgegen- gewirkt, dass diese alljährliche Dyna- mik immer neue Belastungen nach sich zieht. Unsere gesundheitlichen Proble-

me werden damit verschärft!

Ich habe in den vergangenen 30 Jahren erlebt, dass der Mensch die Art und Weise der Milbenbekämp- fung weiterentwickelt hat, und das

 

Abtöten der Milben konzentriert, sondern auf eine Förderung der Kräf- te des Bienenvolkes. Ich wünsche mir eine Unterstützung meiner An- passungsfähigkeit. Dazu gehört auch die Bereitschaft mal zu untersuchen, was es für Bedingungen braucht, um die Anpassung zu ermöglichen oder zumindest zu erleichtern.»

 

«Ich verfolge Berichte und For- schungen über Varroaresistenz und -toleranz an verschiedenen Orten in Europa und finde es fas- zinierend, wie unterschiedliche Abwehrstrategien entstehen.1 Doch kommen wir zurück zur Schweiz, sollen wir jetzt einfach aufhören zu behandeln?»

«Für diese Anpassung benötigen wir als Bienenvolk natürliche Bedingungen und eine naturnahe Haltung. Was es genau dazu braucht, dass müsst ihr Menschen schon selber herausfinden. Wir haben im Februar über mein Le- ben als Bienenvolk unter natürlichen Bedingungen gesprochen und diesem haben wir das Leben unter imkerlicher Betreuung gegenübergestellt. Diese natürlichen Bedingungen liegen dem- nach nur teilweise in der Hand des im- kerlich tätigen Menschen. Wenn ich in der Schweiz als Schwarm 500 Meter wegfliege, gelange ich nicht in ein neues Gebiet, das ich als Bienenvolk er- schliessen kann, sondern ich bin dann schon beim nächsten Bienenstand mit 10 Völkern. Die Schweiz ist dicht bevöl- kert, mit Bienen und mit Menschen. In einer ursprünglichen Naturlandschaft finde ich in meinem Flugkreis keine Bienenvölker, in der Schweiz sind das auf den fruchtbaren und besiedelten Flächen über 100 Völker innerhalb des alltäglichen Flugbereiches. Schon diese Bienendichte schafft eine unnatürliche Situation, denn es entsteht ein grosser

Austausch unter uns Bienenvölkern. Der gegenseitige Austausch von Varroamilben ist ein Problem sowohl für die Bienen als auch für den Imker. Ein Zuflug von Milben würde die Ausei- nandersetzung mit der Milbe so stören, dass die Anpassung gefährdet wäre. Zudem hat eine Anpassung bisher nicht stattfinden können, weil damit andere Ziele der imkerlichen Bienenhaltung ge- fährdet wären wie die Bestäubungsleis- tung für die Landwirtschaft und die Be- reitstellung meiner Bienenprodukte.»

 

«... und was heisst das konkret?» Es heisst, dass ich als Bienenvolk die Varroabehandlung in diesem schwei- zerischen Umfeld erdulden muss. Die- se möchte ich aber nicht als Kampf

 

gegen die Milben sehen, sondern als Regulierung. Diese setzt eine regel- mässige Beobachtung rund um das Bienenvolk voraus. Die Imkersleute sollen auf dem Laufenden sein, wie es mit jedem Volk auf dem Stand in Be- zug auf die Milben steht. Mit verschie- denen Methoden der Varroadiagnose kann man Anzeichen von überhand- nehmenden Milben verfolgen und dementsprechend handeln. Alle Be- handlungen sind unangenehm! Des- halb bitte: so viel wie nötig und so wenig wie möglich!

Um aber auf meine vorherigen Ausführungen zurückzukommen. Es ist mir ein Anliegen, dass die Bienen- haltung ohne Varroabehandlung eine Vision ist, eine Hoffnung für

 

die Zukunft. Es gilt aber, sich bewusst zu werden, dass dies eine andere Art der Bienenhaltung erfordert und ich vertraue auf die Findigkeit der Men- schen, dass sie mir bei diesem wich- tigen Prozess die nötige Unterstüt- zung bieten können.»

Martin Dettli führte diesen Diskurs mit dem Bienenvolk.    

 

Literatur

  1. Locke, B.; Conte, Y. L.; Crauser, D.; Fries, I. (2012) Host adaptations re- duce the reproductive success of Varroa destructor in two distinct European honey bee populations. Ecology and Evolution 2(6): 1144– 1150 (www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/ articles/PMC3402190/).
   

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